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Donnerstag, 22. Februar 2018 - wechselnd bewölkt, 25°
Der freundliche Rezeptionist fragt bei der Campervermietung Lucky Rentals an, ob man uns beim Hotel abholen komme. Dies ist im Kleingedruckten der Buchungsbestätigung so vorgesehen. Das habe man vor zwei Monaten geändert, heisst es nun aber; man hole nur noch am Flughafen ab. Eigentlich finden wir das ein starkes Stück, denn mitgeteilt wurde uns diese Änderung nie. Man stelle sich vor, wir würden als Kunden einfach sagen: Dieser Passus in den Bedingungen gilt für uns nicht mehr... Dies bedeutet, dass wir uns samt Gepäck mit dem Hotelshuttle für 10 $ zum Flughafen bringen lassen und dort auf den Lucky Rentals-Bus warten müssen. Dort wagen wir nicht, uns auf eine Bank zu setzen, damit nicht wieder das gleiche passiert wie mit dem Aerodrive-Bus, der nach 10 Sekunden wieder abfuhr. Diesmal klappt es aber; wir teilen das Fahrzeug mit einer chinesischen Grossfamilie, die sich aber zu einer anderen Vermietung bringen lässt. Sowas ist also möglich - Abholung beim Hotel nicht. Es folgt die umständliche Prozedur mit der Vertragsunterzeichnung, wobei nichts in Papierform vorliegt, sondern alles mit Anklicken und einer „Unterschrift" auf einem Display erledigt wird. Bereits wegen der Nicht-Abholung im Hotel verärgert, erfahre ich von der jungen Dame, unser „Roadie"-Camper sei nicht „self-contained", habe also keinen Abwassertank. Das schränkt uns in der Auswahl der Übernachtungsplätze stark ein, denn auf vielen günstigen oder Gratis-Stellplätzen werden nur Fahrzeuge mit dem entsprechenden Aufkleber zugelassen. Tatsächlich habe ich diesen Umstand beim Buchen offenbar übersehen. Ich führe das darauf zurück, dass ich nach der langen Suche nach einem verfügbaren Fahrzeug - bereits am 9. August waren praktisch alle Camper zu vernünftigem Preis ausgebucht - ermüdet war. Damit erreicht mein Ärger bereits das orange Stadium. Schliesslich erklärt die Dame, sie hole jetzt den Camper. Wir schleppen das Gepäck unter das Vordach hinaus. Nach 5 Minuten kommt sie ohne Fahrzeug zurück. Es müssten noch neue Reifen aufgezogen werden, das dauere eine halbe Stunde. Gepäck wieder ins Gebäude schleppen, Ärgerfarbe noch etwas dunkler. Immerhin: die halbe Stunde wird nicht überzogen.
Ich habe Margrit bereits vorgewarnt, sie werde wohl nicht allzu glücklich sein mit diesem Camper, vor allem wegen der kaum vorhandenen Rüstflächen zum Kochen. Aber was wir nun zu sehen bekommen, ist die reine Katastrophe: Auf der Höhe der einander gegenüber angeordneten Koch- und Abwascheinrichtung hinten im Fahrzeug gibt es keine Stehhöhe! Dies war weder auf Fotos noch auf den Plänen auf der Webseite der Vermietung zu erkennen. Sämtliche Stauräume sind am Boden angeordnet, was reichlich unbequem ist. Das Bett muss höchst umständlich mittels dreier (!) Elemente - Tisch, Brett und Polsterverlängerung bei der Schiebetüre - aufgebaut werden. Was uns ebenso abstösst, ist der allgemeine Zustand des Fahrzeugs innen und aussen: Beulen, Flecken, Löcher, Kratzer, irgendwo gar ein Riss im Blech. Mir entschlüpft die Bemerkung „this is the worst campervan I have ever seen" zur Angestellten. Statt eines zweiflammigen Herdes (wie auf den Bildern) gibt es nur einen kleinen Kocher mit Gaspatrone. Auf mein energisches Verlangen wird ein zweiter Kocher gebracht, der zum Gebrauch lose auf den Kühlschrank gestellt wird. Die drei Bretter für das obere Bett, das wir nicht benützen, zerrt Margrit gleich mal von der vorderen Ablage, denn jenen Platz brauchen wir für das Gepäck. Wir lassen uns noch eine zweite, etwas grössere Pfanne geben und weisen dafür die vermutlich ziemlich unbrauchbare Alu-Bratpfanne zurück, denn eine solche haben wir wohlweislich mitgebracht.
Total entnervt verstauen wir unser Gepäck, so gut es geht. Nachdem wir um halb zehn Uhr hier eingetroffen sind, können wir wenige Minuten vor 12 Uhr endlich losfahren. Der Camper ist ein Automat und hat eine Klimaanlage - wenigstens das ist ein kleiner Lichtblick. Zieleingabe Navi: Vodafone, 21 Cavendish Road, Stadtteil Manukau. Gut 6 Kilometer stressiger Stadtverkehr, unterbrochen beim „Bunnings Warehouse" für den Kauf von 4 Reservegaspatronen für die Kocher. Dann neue Nahrung für den Ärger: An der Adresse keine Spur des Telecomladens. Auf der andern Seite der richtungsgetrennten Strasse ist der Pak'nSave-Supermarkt, wo wir als nächstes hin wollen. Das Navi schickt mich durch zwei Ampelkreuzungen und um vier Ecken zum Parkplatz. Der Einkauf ist bald erledigt, gefolgt vom Mittagspicknick auf dem Parkplatz. Zum Glück weiss ich, dass es im „Westfield"-Einkaufszentrum in der Nachbarschaft einen weiteren Vodafone-Laden gibt. Vermutlich nicht ganz regelkonform marschieren wir hin. Puh, diese riesigen Shoppingcenters, die wir so hassen! Vodafone ist aber bald gefunden. Ich brauche eine neue Simcard für den Internetstick, den ich vor drei Jahren erwarb, damit ich überall Internetzugang habe. Es herrscht Andrang, aber nach einigem Warten klappt das; mit Schwierigkeiten, denn einer dieser jungen Cyberfreaks muss auf meinem Laptop erst noch etwas ändern; erstaunlich, dass er mit den deutschen Texten zurecht kommt (ich muss teilweise übersetzen). Für 25 NZ$ gibt es 1 Gigabyte während einem Monat.
Endlich können wir uns aufmachen, diese Riesenstadt zu verlassen. Es ist fast halb vier Uhr, und Richtung Süden beginnt bereits die Rush Hour des Spätnachmittags: verstopfte Autobahn, in die der einfahrende Verkehr mittels Rotlicht gestoppt und nur tröpfchenweise (eine halbe Sekunde Grün = 1 Auto) in die kaum mehr als Schritttempo fahrende Schlange eingeschleust wird. Weiter südlich geht's dann flüssiger, und auf der Nebenstrasse zum kleinen Küstenort Port Waikato sind nur noch wenige Autos unterwegs. Es ist 18 Uhr, als wir am Dorfeingang einen Wegweiser „Holiday Park" entdecken und ihm zu einem „Motor Camp" folgen, wie die kommerziellen Campingplätze hier genannt werden. Ein Platz ohne Strom kostet 44 NZ$ = 31 Franken; geht ja noch. Aber dass wir nun fast immer auf solche Plätze angewiesen sind, statt oft gratis übernachten zu können, treibt unsere Kosten deutlich in die Höhe. Als Margrit sich anschickt, Geschnetzeltes mit Spiralen zu kochen, kommen ihr nach wenigen Handgriffen die Tränen. Diese Campereinrichtung ist dermassen unpraktisch und unbequem, dass ein vernünftiges Kochen, zumal die Stehhöhe fehlt, nicht möglich ist. Aber auf diesen Campingplätzen sind immer Küchen vorhanden; unsere Rettung! Margrit kommt mit der Hiobsbotschaft zurück, dass eine Dutzendgruppe Chinesen die ganze Küche in Beschlag nimmt, inklusive aller Kochherde, Tisch und Stühle. Die aus den Töpfen aufsteigenden Gerüche sind für unsere Nasen eher abschreckend als appetitanregend. Dass es in Neuseeland offenbar neuerdings massenweise chinesische Touristen gibt, ist uns bereits sporadisch aufgefallen. Ich frage einen der Männer (er versteht mich sogar), wann damit zu rechnen sei, dass auch wir kochen könnten. In 10 Minuten, meint er. Inzwischen haben sich die Leute zum gewaltigen Gelage niedergelassen, das bei Angehörigen dieser Nation üblich ist. Irgendwann kommen wir dann doch auch wir zum Zug; wir essen unbequem, aber ohne Geruchsbeeinträchtigung im Camper. Nach dem Geschirrspülen (auch in der Küche) beginnt es bereits einzunachten. Ich gehe duschen, und während das Wasser meinen Verdruss mit wenig Erfolg wegzuspülen versucht, fasse ich einen radikalen Entschluss: So kann es nicht weitergehen; ich muss diesen gordischen Knoten durchhauen. Bevor weiterer Ärger mit diesem schrecklichen Fahrzeug, das die Bezeichnung „Camper" nicht verdient, bei Margrit zu einem Weinkrampf und bei mir zu einem Tobsuchtsanfall führt. Die erste Idee, die Kiste zurückzubringen und gegen einen PW einzutauschen, verwerfe ich wieder: Zu umständlich und mühsam (nochmals nach Auckland rein und raus!?). Besser ist wohl, den Toyota nur noch als Auto zu benützen und in angenehmen Unterkünften zu übernachten. Ich mache mich sogleich an die Internet-Suche. Bald ist ein nettes B&B auf dem Land westlich von Hamilton gefunden und gleich für zwei Tage gebucht. Dort können wir weitersehen. Ein grauenhafter Tag geht mit einem gewissen Lichtblick zu Ende. Blogleser mögen - wohl nicht erst jetzt - den Kopf schütteln und sich fragen, was wir uns mit einer solchen Horrorreise bloss antun. Sie haben recht.
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Christel Ja, ich habe tatsächlich den Kopf geschüttelt, und das schon vorher, wie du richtig vermutet hattest. Aber es ist toll, dass du gleich sagst, "sie haben Recht". Wie schön ist es doch hier, abtgesehen von den unausstehlichen Minus-Temperaturen . . .